Sonntag, 13. November 2016

Sonntagsneurose und Lebensfreude

Vor genau zwei Jahren habe ich auf diesem Blog den ersten Artikel veröffentlicht. Anlass genug, mich nach über einem halben Jahr mal wieder zu Wort zu melden.

Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, in der ich den Blog gestartet habe. Der Leidensdruck meiner psychischen Irrungen und Wirrungen war wohl nahezu auf dem Höchstpunkt. Ich empfand nur sehr wenig Freude an (kleinsten) Dingen und diese wahrzunehmen, wurde zu einer täglichen Übung. Circa vier Monate später startete mein Klinikaufenthalt. Wenn ich vorher gewusst hätte, wie anstrengend, aufwühlend, verletzend und demotivierend manche Tage in der Klinik sein werden, hätte ich den Schritt in diese Behandlung vielleicht nicht gewagt. Wenn ich gleichermaßen gewusst hätte, wie wertvoll die Zeit im Nachhinein für mich sein wird, hätte ich mich vielleicht schon viel früher dafür entschieden. Wie gut, dass die Dinge kamen, wie sie gekommen sind - so war ich wohl genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Nun soll dieser Artikel eigentlich kein Rückblick werden. Eher ein Einblick, vielleicht auch ein Ausblick. Wie geht es mir momentan, was beschäftigt mich, woran muss ich noch arbeiten?


Auch wenn ich von der „Wie geht es dir?“-Frage nach wie vor nicht besonders viel halte: „So weit, so gut.“ wäre wohl eine passable Antwort. Im Vergleich zur Zeit vor zwei Jahren, bin ich deutlich aktiver, habe mehr Tatendrang, hege Wünsche, mache Pläne und verfolge Ziele. Im Großen, wie im Kleinen. Ich arbeite von Montag bis Freitag und manchmal auch am Wochenende, treffe darüber hinaus Verabredungen, treibe Sport, besuche Konzerte und Gottesdienste oder gehe ins Kino… Was für viele völlig selbstverständlich ist, war es für mich lange Zeit nicht. Ich empfinde wieder diese so wichtige, grundlegende Lebensfreude. Tage sind nicht mehr nur dazu da, um vorbei zu gehen, sondern, um genutzt zu werden.

Weil Entscheidungen treffen nach wie vor ein eher leidiges Thema ist, brauche ich dabei möglichst viel Struktur. Feste Tages- bzw. Wochenprogramme erleichtern mir den Alltag dahingehend, dass mich der Kampf mit der Frage „Was mache ich jetzt?“ nicht mehr allzu häufig aus der Bahn wirft. Leider passiert das dennoch weiterhin regelmäßig, weil mir irgendwo noch eine gehörige Portion Lustempfinden fehlt. Das Gefühl richtig Lust auf etwas zu haben, ist sehr sehr selten, so dass ich auch wenig „nach dem Lustprinzip“ entscheiden kann. Zusätzlich verspüre ich das starke Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit meiner Tätigkeiten. Dennoch wagte ich den Schritt, beruflich nun einer Beschäftigung nachzugehen, bei der ich meine Arbeit größtenteils selber organisieren muss und nur wenig klare Aufgaben oder zeitliche Vorgaben bekomme. Das ist eine tägliche Herausforderung, in die ich definitiv noch herein wachsen muss möchte.

Eine andere große Herausforderung sind Sonntage. „Sonntagsdepression“ oder auch „Sonntagsneurose“ sind nicht nur für mich keine unbekannten Begriffe. Vor zwei Jahren veröffentlichten Hamburger Forscher die Studie „Rythms and Cycles in Happiness“ , in der das Auftreten von Sonntagsneurosen in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen systematisch untersucht wurde. Den Forschern zufolge hadern vor allem Menschen mit hohem Bildungsabschluss mit ihrer Freizeit. Einerseits möglicherweise aufgrund zunehmender Unsicherheit im Berufsleben, und damit unsicherer Erwartungen an den nahenden Montag. Andererseits vielleicht auch aufgrund des Bedürfnisses nach beruflicher Bestätigung und dem Ziel, seine Zeit „sinnvoll“ zu verbringen. Je weniger diesen Verlangen im Berufsalltag nachgekommen wird, desto größer die Gefahr, sie mit ins Wochenende zu nehmen?

Ein Generationsproblem scheint die Sache jedoch nicht zu sein. Bereits 1919 beschrieb der Analytiker Sándor Ferenczi in seinem Aufsatz „Sonntagsneurosen“ Patienten, die an Sonntagen von „mehr oder minder lästigen psychischen Zuständen geplagt“ sind, „die sich ohne besondere Ursache an diesem Tage einzustellen pflegten und den jungen Leuten den einzigen freien Tag der Woche oft gründlich verdarben.“ Und in den 50er Jahren beobachtete der Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl das "Gefühl der Öde und Leere, der Inhaltsleere und Sinnlosigkeit des Daseins, wie es gerade beim Stillstand wochentägiger Betriebsamkeit im Menschen aufbricht und zutage tritt“.


In meinem Fall mögen manche Aspekte passend und andere unpassend sein, aber Sonntage sind sicher nicht meine Lieblingstage. Vielleicht ist es am ehesten das Gefühl, dass etwas „zu Ende geht“, welches mir unangenehm ist. Nun finde ich mit wachsender Erkenntnis des Problems für mich glücklicherweise auch Mittel dagegen anzukommen. Sehr wichtig ist es, raus zu gehen. Am besten an Orte, an denen Menschen zu erwarten sind, die über die Tatsache, dass Sonntag ist, glücklich zu sein scheinen. Solche zu finden, ist nicht besonders schwierig - es kann der Spielplatz ums Eck, ein gut besuchtes Café in der Innenstadt oder ein beliebtes Ausflugsziel in der Umgebung sein. Kino, Theater oder Konzerte erfordern etwas mehr Planung und Entscheidungswille, eignen sich aber nicht minder gut.

Das vielfältige Angebot sonntäglicher „Eintritt frei - um Spenden wird gebeten“ Konzerten am neuen Wohnort ist meine heutige, vergangene und hoffentlich auch zukünftige Sonntagsfreude. Passend dazu zeigen die Collagen sieben Bilder sonntäglicher Unternehmungen der letzten Wochen und wandern damit in der Hoffnung nach langer Funkstille wieder ein paar Leser auf den Blog zu locken zur Sieben-Sachen-Sonntag-Sammlung.

P.S. Der Nachteil des hier so vielseitigen Angebotes: Oft - so auch heute - muss ich zwischen zwei oder mehr Konzerten wählen. Sinfonieorchester, eines der beiden Gospelkonzerte oder doch zum Public Viewing des 1000.Tatorts? Damit mich dann nicht doch wieder das „Was mache ich jetzt?“ Grübeln aus der Bahn wirft, lasse ich in solchen Fällen manchmal einfach das Los entscheiden. Schwierig ist es dann nur noch, die Entscheidung nicht in Frage zu stellen.

Kommentare:

  1. Liebe Sarah
    Ganz lieben Dank für Deine Worte und Deinen offenen und ehrlichen Post hier. Dein kurzer Rückblick zeigt, was Du schon geschafft hast! Dafür gratuliere ich Dir!
    Die Sonntage sind hier bei uns mehr ein Auftanken, ausruhen und doch, wäre es sicher auch toll, mal ein schönes Konzert zu besuchen wie Du!
    Du machst das toll! Sei ganz lieb gegrüsst, Rita

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    1. Liebe Rita, danke für den netten Kommentar! Ich habe mich sehr gefreut :-)

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  2. Hoi Sarah. Ich erlebe hautnah, wie mein Sohn mit genau diesen Alltäglichkeiten kämpft. Dein Satz, Tage sind dazu da, nur vorbei zu gehen. Oh je, ich leide mit. Ich wünsche dir alles Gute!

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    1. Vielen Dank für den Kommentar. Ich kann mir gut vorstellen, dass es für nahestehende Menschen sehr schwierig ist, andere auf diese Art leiden bzw. kämpfen zu sehen. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar für jede Unterstützung und die große Akzeptanz, die sie mir entgegen bringen. Ich wünsche dir und deinem Sohn viel Kraft :-)

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